Lektüre des Romans von Norbert Gstrein: “Die Winter im Süden” (2008). Schauplätze sind Zagreb und die dalmatinische Küste, Buenos Aires und die Pampa während des eskalierenden Jugoslawien-Kriegs. Die Rezensenten hoben beim Erscheinen des Romans die existenzielle Leere der Hauptfiguren hervor: des “Alten”, eines renommiersüchtigen ehemaligen Ustascha-Kämpfers, der in den Krieg zurückzukehren sich anschickt, seiner von ihm für tot erklärten Tochter, die unglücklich mit einem Wiener Alt-68er und Kulturredakteur verheiratet ist, und eines abgehalfterten Polizisten: Diesem wurde am Wiener Westbahnhof vor seinen Augen die Kollegin und Geliebte erschossen. Ihm blieb ja gar nichts anderes übrig, als bei seiner kopflosen Selbstverfügung in den Urlaub nach Argentinien als Faktotum, Chauffeur und Leibwächter des Alten, nebenbei als Beischläfer von dessen jüngerer Ehefrau zu enden. “Die Winter im Süden sind schrecklich.” Am Ende sind wir nur noch ein Gräberfeld mit toten Sätzen wie diesen. Die entkernten Individuen erinnern an die ausgeweideten Interieurs der Hotelanlage etwas außerhalb von Malinska auf der Insel Krk, die ich im Sommer 2010 in Augenschein nehmen konnte: die großen Fensterscheiben zersplittert, die Glühlampen ausgeschraubt, die Kabel aus den Wänden gerissen, auf dem Steinboden Katzen- und Eulendreck, der leere Aufzugsschacht führte blind nach oben. Eine Rezeption, die nicht mehr auf Empfang war. Eigentum eines Staates, der nicht mehr existierte. Auch das steht im Roman: In den Hotels an der Adriaküste hausten die kroatischen Flüchtlinge aus Slawonien und der Krajna, die sich vor der jugoslawischen Armee hatten in Sicherheit bringen können. Eine der europäischen Kulturhauptstädte 2010 war Fünfkirchen, das ungarische Pécs: Es feierte sich als Tor zum Balkan.
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Amtliche Anordnung: Schüler und Lehrer sollen die Hitler Rede zur Eröffung des Winterhilfswerkes 1935 in einer Rundfunkübertragung gemeinsam anhören. Verordnungsblatt des Sächsischen Ministeriums für Volksbildung vom 5. Oktober 1935 (17. Jg., Nr. 19, S.118)
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2012: Der Winter mit den Minusrekorden. Das bisherige winterkalte Maximum von -12,5°, am 4. Februar 1950 in Nyíregyháza (Nordostungarn) gemessen, wurde zum Jahrestag ebenfalls in Nyíregyháza übertroffen bzw. unterboten: mit -13,2°. Die Zahl der Kältetoten nimmt zu – auf ca. 250 in Europa am Sonntag Abend. Ungefähr die Hälfte davon in der Ukraine, dem östlichen Nachbarn Ungarns. Hier sind es relativ wenige – noch unter 10. In der vorigen Woche hat die ungarische Regierung sei es gesellschaftliche Solidarität, sei es christliche Nächstenliebe zu einer Sache des “Nationalen Schulterschlusses” (Nemzeti összefogás) gemacht, zunächst in Erklärungen des Staatssekretärs im Innenministerium, Károly Kontrát, und der Beraterin des Premiers, der Soziologin Zsuzsa Hegedűs. Am Freitag dann der Ministerpräsident selber: “Das Land steht vor einer großen Herausforderung: In welchem Maß können wir aufeinander aufpassen und Leben retten, wenn von Obdachlosen, wenn von den Alten, wenn von Alleinstehenden die Rede ist.” Es stimmt schon: Die Radio-Rede Viktor Orbáns musste (noch) nicht in den Schulen gemeinschaftlich angehört werden. (Noch) ist kein Winterhilfswerk gegründet worden. Das heißt: Es gibt (noch) keine Solis, die zusätzlich zur Steuer vom Bruttolohn abgezogen werden. Unangekündigt, ohne Leibwächter, seinen Kleinbus selbst steuernd, suchte der Ministerpräsident am gestrigen Sonntag ein Obdachlosenasyl in Budapest auf, um sich selbst ein Bild zu machen. Immerhin war die Boulevardzeitung BLIKK informiert. Trotzdem: Es ist eine fahle, fatale Bühnenbeleuchtung, in die diese an sich sehr anrührenden und hoffentlich auch wirksamen Verlautbarungen und Aktionen getaucht sind. Der Generalverdacht faschistoider Tendenzen sieht sich überall bestätigt: Was unterscheidet die mit 2/3-Mehrheit verabschiedeten “Kardinalgesetze” von der “Gleichschaltung”? Es hilft nichts: Um eine genaue Analyse kommt man nicht herum.
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Öffentlich unterwegs zu sein ist das größere Abenteuer. Schnappschuss in der Straßenbahn Linie Nr. 2 – ein Falke auf der Faust eines Mitreisenden. Ein Gerfalke? Wahrscheinlich nicht. Als Vogel, der in den Tundren Sibiriens, in Grönland und Alaska heimisch ist, dürfte es dem Gerfalken in den ungarischen Sommern zu heiß sein. Auf Fachsimpeleien mit dem Eigner kann ich mich freilich nicht einlassen, dazu reicht mein Ungarisch nicht. Und “Wanderfalke” passt auch besser zu “Wanderjahren” im Titel dieses Blogs… Also ein Wanderfalke, auch dies ein Beizvogel.
Der Vogel trägt keine Haube. Aufmerksam scheint er die draußen vorbei fliegende Stadtlandschaft zu registrieren. Welcher Bilderstrom! “Entschuldigen Sie, darf ich ein Foto machen?” Den Falken darf ich fotografieren, den Jäger nicht. Sehr reserviert, der Mann: entschlossene Miene, die Mundwinkel zeigen nach unten. Statuenhaft. Wie die markante Gestalt zu Füßen des Königs Matthias, links unten im Ensemble des Jagdbrunnens, zu finden im Burgpalast von Buda.
Sie soll Galeotto Marzio (1427-1497) darstellen, den italienischen Chronisten des ungarischen Königs Matthias Corvinus (Hunyady Mátyás) , Humanist, Arzt und Astronom, der in Padua und Bologna sowie an der von Matthias gegründeten Universität Pressburg lehrte. Man muss ihn sich als lebensfrohen und schwergewichtigen Menschen vorstellen. Vom Bildhauer wahrscheinlich sehr ins Asketische idealisiert, wirkt die Skulptur in ihrer Kühle und Strenge wie das Vorbild meines Gegenübers in der Straßenbahn. Oder besser: Bei diesem hier ist es eher Verschlossenheit als Strenge, obwohl die Beine – anders als bei der Galeotto-Skulptur – auseinander gestellt sind. Und hinter der kühlen Fassade ist der Eifer zu spüren, mit dem der Mann das Vorbild kopiert. Er wirkt wie gefrorenes Feuer. In den Augen lese ich: “Wir eine Kolonie? Niemals. Abhängig weder von Moskau noch von Brüssel. ” Angesichts von soviel Heroismus muss ich meinen Mut nun ordentlich zu einer Frage zusammenkratzen: “Sólyom ez a madár?” – “Nem, héja.” Also kein Falke, sondern ein Habicht.
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Nach der Verbannung der Schnecke vom Hofe des Königs befand sich der Adler im Aufwind.
Nicht nur, dass seine Karte des Tierreichs nun in allen Amts- und Schulstuben zwischen dem Staatswappen und dem Glaubensbekenntnis der Tiernation hing. Nein, ihm war auch das Ministerium für Post und Telekommunikation anvertraut worden. Es gab viel zu tun. Rigoros modernisierte er das System der Schneckenpost und ersetzte es durch ein straff organisiertes Netz von Brieftaubenstationen. Jungadler schraubten sich in die Höhe und erspähten jede verdächtige Bewegung auf den gepflasterten Heerstraßen. Eulen wurden als Nachtsichtgeräte an den Grenzen eingesetzt.
Am Hofe flog er ein und aus, er hatte, so sagte man, den direkten Draht zum König. Nur selten weilte er in seinem angestammten Horst, lieber pickte er sich eine Brieftaube heraus und verfolgte ihren Dienstflug aus großer Höhe. Oder er gesellte sich zu einem Jungadler und begleitete ihn auf seinen Kontrollflügen. Manchmal machte er sich den Spaß, des Nachts mit einem Luftballon oder einem flatternden Tuch die Eulen zu erschrecken. Er schien überall gleichzeitig zu sein. Bald nannte man ihn „Das Auge des Königs Nobel”.
Eines schönen blauen Tages nutze er einen Steigwind, wie er ihn noch nie erlebt hatte, und er gelangte höher hinauf als jemals. Da begegnete er Gott. Gott war wie… wie sollte er es beschreiben? Gott segelte ruhig dahin. Die starren, weit ausgespannten Flügel, auch die Schwanzfedern wie der langgestreckte Körper, alles war aus einem glatten, weiß schimmerndern Material. Die Flügelspitzen zitterten leicht in einer geheimen Spannung, in gelassener Kraft, so wollte ihm scheinen. Vorn lief der Körper in eine glatte gläserne Kuppel aus, ein riesiges Auge. Mit den Schwingen rudernd, hielt der Adler gleiche Höhe und starrte in dieses Auge. Im Innern des Glaskörpers blickte er in zwei weitere Augen, und darin spiegelten sich seine eigenen Augen…
Da fasste der Adler den Entschluss, den König der Tiere zu stürzen.
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Der Löwe befahl, das Reich der Tiere auf einer Landkarte zu verzeichnen. Der Adler legte seinen Entwurf vor.
Die Schnecke kroch darauf herum: “So kurz sollen die Wege sein in Deinem Reich, mein König? Man merkt: Der Entwurf stammt von einem, der den Staub der Landstraße zu fressen nicht nötig hat. Und der Stein, der mir gestern im Wege lag, als ich Deinem Hofe zustrebte, ist auch nicht eingezeichnet.”
“Dafür aber deine Schleimspur von hier ins Exil!” höhnte der Löwe und wischte die Schnecke mit einem Hieb seiner Pranke beiseite. Und zum Hofstaat gewandt: “Der Adler hat eben die beste Klaue!”
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Patchwork //// Ungarn-Nachrichten im Januar 2011. Ein geneigter Leser schickt mir – auf anderem Wege, er ist kein Blogger – folgende Zeilen:
„Was Ungarn vernäht,
will ich nicht versäumen.“
Danke, T.F., das Wortspiel hilft, dem Wettkampf zwischen Nähmaschine und Schreibmaschine aus einer dadaistischen Ecke zuzuschauen.
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Heute habe ich diesem meinem Weblog eine leere Seite hinzugefügt. Damit folge ich dem Beispiel einiger ungarischer Medien. Die Gestaltung folgt dem letzten Beispiel, das ich gesehen habe: „Ich habe überhaupt keine Lust, ein festliches Feuilleton für die Weihnachtsnummer zu schreiben.“ So beginnt der Essay von Lajos Parti Nagy in der Nummer 51-52 des Wochenmagazins “168 óra“ (168 Stunden) vom 22. Dezember 2010. Wenn Parti Nagy Blattmacher oder Herausgeber wäre, würde er bis Anfang Januar sein Presse-Erzeugnis nur mit weißen Seiten erscheinen lassen, „als Zeichen dafür, dass ich als ungarischer Autor, als ungarischer Staatsbürger auf entschiedenste Weise gegen den absurden und groben (útszéli) Versuch protestiere, die ungarische Presse zu erniedrigen, gegen den krankhaften (hagymázos) Plan, die Pressefreiheit aufzuheben, gegen den Entwurf eines Gesetzes unter dem Decknamen ‚Über die Dienstleistungen der Medien und über die Kommunikation’“.
Diesem Protest schließe ich mich an – als EU-Bürger aus Deutschland, der in Ungarn lebt und arbeitet und diese Möglichkeit bisher als sein persönliches Glück betrachtet hat.
Wer mein Weblog verfolgt, wird bemerkt haben, dass es hier bisher keine Kategorie „Politik“ gibt. Ich möchte “einfach” über tiefere interkulturelle Erfahrungen schreiben, Grundströmungen erfassen, die unter glatten oder aufgewühlten Oberflächen nicht sofort sichtbar werden. Auf den zweiten Blick wird man sehen, dass sich zwischen dem 11. April (dem Tag des ersten Wahlgangs) und dem 28. November 2010 keine aktuellen Eintragungen finden. Ich hatte eine regelrechte Schreibblockade – das Staunen darüber, dass “solche Dinge” im heutigen Ungarn möglich sind, war eben kein philosophisches.
Es wird an dieser Stelle auch weiterhin nur wenige Kommentare zur Tagespolitik geben. Dazu fehlt mir die Zeit. Einen hervorragenden – und wie ich sehe – kritischen Überblick der Nachrichtenlage kann man sich bei dem Blogger Pusztaranger verschaffen, dem ich auf diesem Wege für seine aufwendige Arbeit danken möchte.
Ihm verdanke ich auch den Hinweis auf die Protestaktionen. Ich bitte die Leser, sich diesen anzuschließen:
European Blog Action against Censorship in Hungary
Egymillióan a magyar sajtószabadságért (Eine Million für die ungarische Pressefreiheit) bei Facebook
Free Press For Hungary (Internationale Version bei Facebook)
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Im Nachtzug von Wien Westbahnhof nach Hamburg Altona. “Überall war heller Tag, nur war es Nacht, nein, mehr als Nacht.” (Plinius, Epistulae, VI, 16) Dies ist das Motto des Romans “Das Attentat” von Harry Mulisch. Ich teile das Viererabteil mit einer holländischen Familie – es sind erstaunlich junge Eltern, ihr Sohn ist bestimmt schon 16, 17. Sie sind aus Groningen. Der Junge wickelt sich schnell in seine Decke und dreht sich zur Abteilwand. Das Paar ist mehr auf Kommunikation gestimmt als er. Ich liebe Groningen, das erste Mal fuhr ich hin mit einem Ungarn, der beim Überqueren des Grenzflusses, der Ems, begeistert ausrief: Ah, das ist Óperencia, jedes ungarische Märchen fängt so an. Die Holländer, vielleicht sind es auch Westfriesen, aber ich mag nicht fragen, schauen mich mit großen Augen an. Ja, das ist die Märchenformel: Es war einmal, oder es war keinmal, wenn es überhaupt je gewesen ist, war es jenseits von Óperencia. Der ungarische Freund hatte mir erklärt, dass vor Jahrhunderten ungarische Kalvinisten gerne zum Theologiestudium an eine holländische Universität gegangen waren, “also jenseits der Ems”. Viel später ging mir auf, dass natürlich die Enns gemeint war, jener Fluss, der Nieder- von Oberösterreich trennt: “Ob der Enns” wurde zu “Óperencia” verballhornt. Das Jenseits liegt oft näher, als man denkt. Ich zeige das rororo-Bändchen her: “Ich habe einen Roman von Harry Mulisch dabei.” – “Ah, ‘De Aanslag’!” sagt die Frau. “Dan kunt U nog eens niet slapen, dit is zo een spannend verhaal.” Sie soll recht behalten. Von den Schaukelbewegungen des Liegewagens wird der Körper sanft in eine zunehmende Schlafbereitschaft gewiegt, der die Lektüre immer um genau eine Seite voraus ist. Ich folge den Lebensstationen Anton Steenwijks, dessen Familie in den letzten Kriegstagen, unversehens in eine Widerstandsaktion geraten, von den deutschen Besatzern ausgelöscht wird. Anton, damals 12 Jahre alt, begegnet später immer wieder Menschen, die auf die eine oder andere Weise in das “Attentat” verwickelt sind und ihm immer mehr die Augen öffnen. Das ändert aber nichts an Antons Blindheit, ich möchte sagen: eschatologischen Blindheit. Die eigene Geschichte bleibt auf merkwürdige Art und Weise von ihm abgespalten. Kurz vor dem Einschlafen lese ich noch die für mich eindrücklichste Stelle des Romans. Bei der Schilderung des Begräbnisses eines Widerstandskämpfers, über 20 Jahre nach dem Krieg, heißt es: “Auf dem Friedhof hatte sich ein dichter Kreis um das Grab gebildet [...] Die leise Unterhaltung in den hinteren Reihen verstummte erst, als die Witwe selbst das Wort ergriff, ihre Worte verloren sich jedoch in der Weite des Sommertages. Die Vögel, die über sie hinwegflogen, mußten sie, die in der weiten Polderlandschaft dicht gedrängt um dieses kleine, dunkle Loch in der Erde standen, für ein großes Auge halten, das zum Himmel starrte.” [S.109] Nach der Ankunft in Hamburg höre ich im Radio, dass Harry Mulisch gestorben ist.
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Rückblick: Ich rufe aus Belgrad zu Hause in Budapest an, zwei drei Tage nach der Gay Pride Parade: “Ist Post gekommen?” – “Nichts Besonderes, nur der SPIEGEL.” – “Was steht drin?” – “Auf dem Titelbild ist eine Spinne, die wirft einen großen Spinnenschatten, es geht um die Macht der Angst. Angst ist gar nicht so schlecht, alle Erfolgreichen waren ängstlich, Bill Gates zum Beispiel.” - “Und was sonst noch?” – “Ein Schimpfartikel über Budapest.” Budapest – Hauptstadt der Alpträume – eine neue Marke in der Hitliste der Metropolen.
Francisco de Goya: El sueño de la razón produce monstruos (Caprichos 43) 1799
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In der Franzensstadt erschienen in den vergangenen Wochen Schablonen-Graffiti mit dem Porträt Attila Józsefs, des nach verbreitetem Urteil (neben Endre Ady) bedeutendsten ungarischen Lyrikers im 20. Jahrhundert. Auf den Plakatwänden für die politischen Parteien, die sich am heutigen Sonntag um die Stimmen von mehr als 8 Millionen Wahlberechtigten bewerben, klebte das Porträt mit dem Slogan, für Europäer sei Attila József die einzig wählbare Alternative am 11. April. Heute vor 105 Jahren wurde der Dichter als Sohn einer Wäscherin geboren – in der Gát utca [Deichgasse], ebenfalls in der Franzensstadt. Im Innenhof findet heute eine Lesung mit allen seinen Gedichten statt – aus einer Wahlkabine heraus. Meine Wahl ist schon lange auf Attila József gefallen, ihn, der wegen eines Gedichts vom Lehrerstudium an der Universität Szeged ausgeschlossen wurde und den man 1936 nicht zu Thomas Mann vorließ, als dieser Budapest besuchte.
Der Dichter im Abseits
Bronzen, überlebensgroß
Eine umgeschmolzene Glocke:
Aus der Form gestürzt
Ans Ufer erzwungenen Müßiggangs.
Die Hände zwischen den Knien
Mögen auch den Hut nicht mehr dreh′n.
Geschweige denn… Und Schweigen.
Haltloser Blick auf den
Strom, drin treibt die
Sprache in Schollen, türmt
Sich zu Eisgebirgen
Auf: So leer das alles.
Augenstümpfe, Stammelohren, wund
Die von Apollo gehäutete Zunge…
Aber golden, golden
Zwischen Braue und Wange
Golden im Licht der Bogenlampen
Webt eine Spinne ihr schütteres Netz.
(1. Dezember 1995)
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